(Januar 2026)
Das Bundeslagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“, veröffentlicht am 21. November 2025, zeigt erneut einen deutlichen Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt. Für die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen (EFHiW) bestätigt es die Entwicklungen, die in Frauenhaus, Frauenberatung, Fachberatungsstelle Menschenhandel und YUNA Westfalen-Lippe täglich sichtbar sind. „Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Frauen und Mädchen sind in Deutschland weiterhin einem hohen Risiko ausgesetzt, Gewalt zu erleben – zu Hause, im öffentlichen Raum, in digitalen Räumen und im Kontext von Ausbeutung“, sagt Angelika Waldheuer, Vorsitzende der EFHiW. „Was wir sehen, sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck tief verankerter Ungleichheiten.“ Die EFHiW hat eine Stellungnahme daher erstellt und an die Ministerien und Ausschüsse im Bund und Land geschickt, um Änderungen einzufordern.
Im Bereich sexualisierter Gewalt verzeichnet das Lagebild erneut steigende Fallzahlen. Frauen und Mädchen stellen die große Mehrheit der Betroffenen, viele von ihnen sind minderjährig. Die Daten zeigen, dass sexualisierte Gewalt ein strukturelles Problem bleibt, das umfassende Prävention, Schutz und spezialisierte Beratung erfordert. Auch häusliche Gewalt nimmt weiter zu. Die überwiegende Mehrheit der Opfer sind Frauen, und die Gewalt reicht von psychischer und körperlicher Misshandlung bis hin zu schweren Übergriffen. Besonders alarmierend ist die Zahl der Tötungsdelikte: 308 Frauen und Mädchen wurden 2024 getötet oder sollten getötet werden, häufig durch aktuelle oder ehemalige Partner. Aus Sicht der EFHiW handelt es sich bei vielen dieser Fälle um Femizide. „Wenn Jahr für Jahr Hunderte Frauen getötet oder tödlich angegriffen werden, dürfen wir das nicht als bedauerliche Einzelfälle verbuchen“, betont Geschäftsführerin Birgit Reiche. „Femizide sind Ausdruck struktureller geschlechtsspezifischer Gewalt. Fundierte Forschung stärkt unsere Forderung nach mehr Investitionen, Prävention und Sensibilisierung.“
Auch der Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung bleibt ein gravierendes Problem. Die meisten Betroffenen sind Frauen und Mädchen, häufig manipuliert durch emotionale Abhängigkeiten wie die Loverboy-Methode. Die Fachberatungsstelle der EFHiW erlebt diese Muster seit Jahrzehnten und sieht sich durch die Daten bestätigt, dass Ausbeutung kein Randphänomen ist, sondern ein systematisches Gewaltfeld, das konsequente Strafverfolgung und sichere Schutzstrukturen erfordert.
Digitale Gewalt nimmt ebenfalls zu und wirkt zunehmend als Verlängerung analoger Gewalt. Frauen erleben Cyberstalking, Cybergrooming, bildbasierte sexualisierte Gewalt und Hasskampagnen. Der internationale Bericht „Tipping point“ zeigt, dass 70 Prozent der befragten Aktivistinnen, Journalistinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen Online-Gewalt erlebt haben und 41 Prozent anschließend auch offline angegriffen wurden. Waldheuer warnt: „Digitale Gewalt ist längst ein zentraler Schauplatz geschlechtsspezifischer Gewalt. Wer Frauen online zum Schweigen bringen will, greift ihre gesellschaftliche Teilhabe im Kern an.“
Das Bundeslagebild enthält keine Daten zur weiblichen Genitalbeschneidung (FGM/C), obwohl nach Schätzungen des Bundesfrauenministeriums rund 123.000 Frauen und Mädchen in Deutschland betroffen oder bedroht sind. Für die EFHiW zeigt diese statistische Unsichtbarkeit, wie wichtig spezialisierte Fachstellen wie YUNA Westfalen-Lippe sind und wie dringend FGM/C stärker in Forschung, Politik und Strafverfolgung berücksichtigt werden muss.
Aus Sicht der EFHiW ergibt sich aus allen vorliegenden Daten ein klarer Auftrag. Gewalt gegen Frauen ist eine strukturelle Menschenrechtsverletzung, die entschlossenes politisches Handeln erfordert. Reiche formuliert es so: „Wir brauchen nicht noch mehr Betroffenheitsbekundungen, sondern konkrete Veränderungen – verlässliche Finanzierung, mehr Schutzplätze, spezialisierte Beratungsstellen, verpflichtende Täterarbeit und starke Präventionsangebote in allen gesellschaftlichen Bereichen.“ Waldheuer ergänzt: „Solange Frauen sich nicht sicher fühlen – zu Hause, auf der Straße, in ihrer Arbeit und im Netz –, ist echte Gleichberechtigung nicht erreicht.“
Die Stellungnahme finden Sie hier als pdf und im Internet.